Gartenparty wird von Entenküken gesprengt
Kino im Garten, Party im Pool. Plötzlich ein aufgeregter Gast: Vier Entenküken sind aufgetaucht. Auf der Straße liegt die tote Mutter. Der Krimi startet.
Aufgeregte Menschen rennen den verschreckt piepsenden Tieren hinterher. Vier Stück werden schließlich geborgen und in eine Schachtel gesetzt. Man muss den Deckel zudrücken, weil die wilden Viecher mit ihren Schnäbeln dagegendrücken und versuchen, herauszuspringen. Hoppla, gerade noch erwischt.
Aber zwei kleine Entenküken sind immer noch den Gefahren der Natur ausgesetzt. Inzwischen kann ich die Menschenansammlung auch schon auseinanderhalten. Da ist zum Einen der alte Langhaarige mit der Schachtel randalierender Küken. Seine Frau , sie vom Kater murmelt, der die Küken fressen wird. Eine junge Mutter mit drei Kindern, die die verbliebenen Küken durch die Hecke scheuchen. Und eine noch jüngere werdende Mutter mit Ihrem Verlobten.
Plötzlich ertönt Entengeschnatter. Aus dem Handy eines meiner Partygäste: Youtube, Entenmama-Lockrufe. Just in dem Moment hüpft ein Kücken auf den Gehweg und die ganze Gesellschaft springt vor Schreck einen Schritt zurück. Will man das wirklich anfassen? Nur die Schwangere stürzt sich beherzt auf das flauschige Etwas, packt es am Kragen und greift im selben Moment mit verzerrtem Gesicht an ihren Bauch. Ohje, hoffentlich kriegt sie jetzt nicht auch noch ihr Kind, in der Schachtel ist doch eh kein Platz mehr.
Jubelrufe. Freudentränen. Und das Letzte? Naja, das Letzte Küken kann dann ja der Fuchs haben. Der hat doch auch Hunger.
Falsches Statement. Ganz falsches Statement. Vorwufsvolle Gesichter rufen was von schlechtem Karma.
Na und jetzt? Was machen wir mit der Schachtel?
Die umstehenden befragen KI, rufen Nabu, Wildtierrettung und ein Tier Taxi. Keiner kommt.
Die Umstehenden haben plötzlich Verabredungen oder einen Küken mordenden Kater.
Außerkörperliche Erfahrung
Man kennt das ja, man sieht sich selber, wie man etwas sagt oder tut. Ich sehe mir dabei zu, wie ich dem Langhaarigen die Kükenschachtel entnehme. Ich bringe sie in meine Gartenlaube, wo inzwischen 50% der Partygäste betrunken sind und die Küken in den Pool setzen wollen.
Gut, dass mein Mann die Kinoleinwand runter zieht und den Film ausruft.
Derweil telefoniert meine Freundin noch mit diversen Experten.
34 Grad, Hitzewarnung und ne Wärmflasche
Der Experte sagt, kein Futter, kein Wasser, die Kleinen brauchen Wärme. Was? Wir verrecken fast bei 40° und der Typ erzählt mir was von einer Wärmflasche? Was täten die jetzt in der Natur?
Tja, da würden sie jetzt unter dem Flügel der Mama sitzen und es kuschelig warm haben. Jetzt tun sie mir dann doch leid.
Also gut. Ich habe die Wärmflasche geholt und sie in eine Aldi-Stofftasche gepackt – ich will ja nicht, dass sie mir die Wärmflasche vollkacken. Kiste aufgemacht, und was sehen wir? Die vier Winzlinge drücken sich in einer Ecke zusammen, zittern und sehen erbarmungswürdig aus.
Schnell eine zweite Wärmflasche dazugepackt.
Enten Rettung Telefon-Odyssee
Über Nacht haben wir unsere Schützlinge ins Haus genommen. Soll der Fuchs doch beim MCDonalds fressen.
Mein Partner kümmert sich rührend, spricht gut zu, rennt dem kleinen Ausreißer nach und fängt ihn wieder ein.
Am nächsten Morgen immer noch kein Wildtiertaxis gekommen. Ich nehm das Telefon in die Hand. Unzählige Anrufe werden von Anrufbeantwortern entgegengenommen, die mich auffordern Kontaktformulare auszufüllen. NABU schickt mich auf die Webseite, sie scheinen nur verletzte Tiere aufzunehmen. Auf der Webseite der "Tiere in Not Sprechstude" prangt eine knallrote Wettertafel mit der Nachricht: Aufgrund der Hitzewelle, die eine Gefahr für Mensch und Tier darstellt, fällt die Sprechstunde heute aus. He! Meine Küken SIND in GEFAHR! Hilf uns!
112. Geht keiner ran. Weiter gehts, KI-Bots geben widersprüchliche Tipps.
Dann endlich eine menschliche Stimme, nett, hilfsbereit, von einer Tierklinik, sagt: „Suchen Sie eine Entenmutter und legen Sie die Tiere daneben. Hoffen Sie, dass die Mutter sie annimmt."
Klar, wieso kam ich nicht selber drauf. Ich suche eine Entenmutter. Woran erkenne ich die Entenmutter? Wird sie mich überhaupt nah genug heranlassen? Nee, das ist keine Lösung.
Rettung naht
Die Lösung kommt dann wie so oft unverhofft und ist total naheliegend. Eine Gartennachbarin, nette Oma mit vielen Enkeln, übernimmt. Ach, sie habe noch Hühner und schon zig Vögel aufgezogen. Gebt mal her.
Sie lacht: „Ich habe schon so viele, Enten und Elstern großgezogen. Die vier haben bei mir auch noch Platz. Und wenn sie fliegen wollen, dann bringe ich ihnen auch noch das Fliegen bei."
Und dann kommt wieder alles anders
Ein kleines bisschen fühlen wir uns jetzt wie Helden. Wobei, im letzten Moment zögert mein Partner, die Schachtel mit "unseren" Küken loszulassen. Einen Moment lang sehen sie sich in die Augen: mein Partner und die Oma. Beide Hände mit eisernem Griff an der Schachtel.
Mit einem Seufzer und einer Träne im Knopfloch lässt er schliesslich los.
Kaum zurück in der eigenen Laube schrillt das Telefon: Am Apparat: die Wildtierrettung. "Hallo, ich bin um die Ecke, ich habe eine Entenmutter dabei und hole jetzt die Küken ab".
Oh.
Die Oma gibt die auch nicht mehr her. Sie habe ja sooo schlechte Erfahrungen mit Wildttier Rettern gemacht erfindet sie dem Teufel ein Loch in den Bauch.
Ich falle gerade zwischen zwei Stühlen durch. Die Wildtier Retterin lässt nicht locker und fordert die Herausgabe der Küken oder zumindest der Telefonnummer der "Küken-Räuberin". Das gehe nicht an, man könne sich nicht einfach so Haustiere machen, die bekämen Fehlbildungen, wenn sie falsches Futter, keine Mama...
Sorry, ich kann nichts mehr für Sie tun.
Ich wäge ab, noch könnte ich in der Gartenkolonie eine Heldin sein, währenddessen, wenn ich es zulasse, dass man der Oma die Küken wegnimmt, dann ist Zwietracht vorprogrammiert.
Hast Du auch wilde Entenküken im Garten gefunden?
Hier findest du eine schnelle Schritt-für-Schritt-Anleitung zur richtigen Sicherung, Fütterung und Pflege. Außerdem: Alle wichtigen Notrufnummern und Wildtierstationen für Berlin im Überblick.
