Vanlife Geschichten

Mit dem Campervan zum Kitesurfen am Saaler Bodden auf Fischland Darss

WoMo-Leben: Jalousien runter oder Wagenburg?

Jalousien runter oder Klappstuhl raus – ich kenne noch das WoMo Leben von ganz früher, als nur ein paar wenige Renter ein WoMo fuhren und wir jungen schrägen Vögel zu fünft im VW Passat wohnten, oder irgendwelche selbst ausgebauten Bullis fuhren. Der Innenausbau richtete sich meist nach dem Material, dann kam das Bett, dann die Feuerstelle. Man saß zwangsläufig draußen vor dem Bus und interagierte mit anderen Vanlifern.

Mit der Überschwemmung der weißen Flotte änderte sich das. Man sitzt jetzt gemütlich im eigenen Wohnmobil, Heizung aufgedreht, köchelt vor sich hin, kredenzt einen edlen Wein. Nicht mal um aufs Klo zu gehen muss man vor die Tür. Die Chancen andere nette Vanlifer kennenzulernen sind gering.

Ein Lichtblick: Es gibt sie noch die WoMo-Community

Vor zwei Jahren jedoch trafen wir ein nettes Pärchen in Leucate und verabredeten uns für den Abend auf ein Glas Wein. Prompt kamen wir später und die beiden waren bereits hinter ihren WoMo Mauern verschanzt, alles zu, wie in einer Festung, nur bläuliches Licht schimmerte hinter einem Fensterspalt hervor. Schade. Aber warum eigentlich? Wir klopfen und hämmern an die WoMo Tür, hei, kommt raus aus dem Bau, man kann die Sterne sehen!
Wir saßen und lachten dann gemeinsam bis nachts um eins vor unserem Camper und hatten eine sehr schöne Zeit wie lange nicht zuvor.

An diesem Abend stellte ich mir die philosophische Frage, ob sich da vielleicht doch mit der Zeit etwas geändert habe und ob vielleicht "früher alles besser war"?

Nun denn, man lese weiter.

Es begab sich also in jüngster Zeit, dass wir an unseren Home-Spot fuhren, in freudiger Erwartung auf kleine Kites und kleine Segel.

Wir kommen an, die Wiese ist ist schon ziemlich voll und wir klemmen uns noch zwischen Crafter und WoMo und ergattern durch unseren Mut zur Nähe so einen der besten Plätze mit direktem Blick aufs Wasser. Cool. Einmal in die Runde gegrüßt und los gehts.

Ein ganz normaler Tag auf dem Wasser

Die üblichen Ereignisse, man hilft sich beim Kite-Start, schnackt hier und da über Segelgrößen und kaum ist der Tag vorbei, verschwinden alle in ihren Kastenwagen. Hoppla. Nein, hier ist das plötzlich anders. Die Familie hinter uns sitzt draußen, beobachtet uns beim Gymnastizieren und macht lustige Sprüche.

Die Falle baut sich auf

Angelockt durch scheinbar fröhliche Stimmung kommen wir näher, auf dem Campingtisch viele bunte Flaschen und volle Gläser. Sogleich wird erklärt, dass der hiesige Caiphi, selbstgemacht, tiefgefroren und dann mit Microwelle wieder halbgetaut, ja, dass dieser Caiphi gar herrlich schmeckt.

Oder doch lieber wieder im eigenen WoMo einschließen

Die erste Runde Caiphi für alle ist unterwegs, Stühle werden gebracht, man rückt zusammen. Wir freuen uns auf einen netten Abend.

Wie man sich doch täuschen kann.

Jetzt sitze ich auf dem Campingsofa ganz eng neben dem Papa, der zeitweise Millionär war, in der dritten Generation Erbe einer großen Firma und auf jeden Furz stolz ist, den er in seinem Leben noch so von sich gibt. Er sagt das auch. "Ich bin stolz darauf, dass ich so gut Kiten kann, mit meiner Riesenmatte bin ich allein auf dem Wasser, da bin ich aber stolz. Wie stolz bin ich doch, dass ich den jungen Leute noch zeigen kann, wo s langgeht und besonders stolz bin ich hier auf meine Tochter (die dazu glückselig lächelt) und die Enkelkinder". Ist ja schön und gut, man darf ja stolz auf seine Leistung und sein Alter sein, aber irgendwann ist das halt ein Kommunikations-Killer. Was soll man denn darauf antworten? Ok, Antwort ist ja auch gar nicht erwünscht, ich hab jetzt ein Mega-Tablett unter der Nase, worauf man natürlich sehr stolz ist, dass man sowas in dem Alter noch bedienen kann. Ich lausche, wie mir Zeitungsartikel über besagte Firma vorgelesen werden.

Wie geschieht mir gerade? Ich kann mir nicht einen Satz merken, weil ich die ganze Zeit nur panisch denke: "Wie komm ich aus dieser Nummer wieder raus"?

Ein Seitenblick auf meinen Partner: Er wird komplett in Beschlag genommen, keine Ahnung worüber der Schwieger-Bär da redet, ich sehe nur, dass mein Partner mit großen Augen nickt und zu keinem einzigen selbst formulierten Satz kommt.

Die Familie saugt uns komplett auf.

Jetzt sind die Bilder von den kleinen Enkel-Engeln dran.

Kurz wird abgecheckt, was ich beruflich mache, ich denke, nicht grad mein Lieblingsthema, aber vielleicht wird ja jetzt ein Gespräch daraus.

Denkste Puppe, kaum das Wort "Projektmanagerin" ausgesprochen, hab ich wieder das iPad unter der Nase und sehe Zertifizierungen und eine Foto von einem mir fremden Team. Der Opa natürlich mittendrin und strahlt wie ein Apfelbutzen.

Ich grüble, ob mir das jetzt gutes Karma verschafft, weil die drei scheinen ja mit uns überglücklich zu sein.

Aber ich will das doch alles gar nicht hören und doch brennt es sich jetzt erst recht in meinem Gedächtnis ein. Lieber Gott, hab Erbarmen. Und siehe da, er lässt es regnen, und erlöst uns aus diesem Krampf…

Im eigenen Wohnmobil streiten wir jetzt wie die Bürstenbinder, wer von uns beiden diese Leute eigentlich angelacht hat!?

Vielleicht sitze ich in Zukunft doch wieder lieber drinnen.