Unser Einzug: Ein Fisch fliegt über den Zaun
Mitten in der Corona-Krise. Kontaktverbot. Lockdown. Januar und Grau.
Es ist so deprimierend. Max und Rosa wohnen auf 50 m2 ohne Balkon, ohne Grün, ohne Freude.
Und da erscheint das Licht am Horizont: Freitagabend bei eBay Kleinanzeigen. Ein Schwedenhäuschen in einer Gartenkolonie steht zum Verkauf. Die beiden sind euphorisch; vor ihrem geistigen Auge erscheint der Traum des eigenen Häuschens. Autarkie, umgeben von Grün und netten Gartennachbarn, mit denen man gemeinsam Gemüse anbaut und abends am Lagerfeuer sitzt.
Nun ja, wie die Realität in so einer Gartenkolonie dann aussieht, wird an anderer Stelle erzählt.
Liebe auf den ersten Nachtblick
Also, vor lauter Angst, jemand anderes könnte sich dieses Paradies noch schnappen, schleichen sie sich nachts um 12 in diese Kolonie und schauen sich das Häuschen an. Vielmehr die Laube, aber auch dazu mehr in einer anderen Gartengeschichte...
Mitten in dieser Nacht also telefonieren sie den Verkäufer aus dem Bett und machen einen Besichtigungstermin für Sonntag aus. Nach viel Verhandlungsgeschick oder Ungeschick wird man sich einig: Das rot-weiße Schwedenhäuschen wechselt den Besitzer, und das Leben in einer Gartenkolonie zeigt sein wahres Gesicht – in Form eines behäbigen Wichtigtuers namens „Vorstand“.
Der Fisch fliegt übern Gartenzaun
Aber auch diese Hürde wird gemeistert, und jetzt sitzen sie überglücklich auf der mit mediterranen Steinen ausgelegten Terrasse und hören plötzlich ein lautes Rascheln im Flieder. Gefolgt von einem: „Heeee! Seid ihr die Neuen?“ Neugierig treten sie an den Zaun, gehen auf Zehenspitzen und spähen auf eine kleine, dicke Matrone in Küchenschürze mit einem riesigen, hässlichen Fisch in der Hand. „Wollt ihrrrr diesennn Fiiiiiisch!?“ Und schon fliegt der Fisch über'n Zaun. Direkt in Max’ Hände.
„O-keeeee. Äh, ja? Gut. Hallo, wir, ja, wir sind die Neuen, Max und Ros...“
„Aaaaah, hast du scheeeene blaue Augen, kleines Mädchen.“
Die 40-jährige Rosa wird rosenrot im Gesicht.
„Komm rum zu mir, trinken wir einen Kafääää.“
Kaffee mit Schuss und Gurken aus dem Jenseits
Oh, wie erfreut die beiden über so einen herzlichen Empfang sind. Die Nachbarlaube ist ein Gärtnertraum; die Fisch-Werferin kennt sich aus. Wie toll, von der lernt man bestimmt ganz viel!
Vor allem lernt man, dass in Gartenkolonien viel gesoffen wird. Der Kaffee entpuppt sich als Wodka, und Ausreden werden keine akzeptiert. Lustig und glücklich klettern Max und Rosa spätnachts über den Zaun, um am nächsten frühen Morgen einen Weckruf zu hören: „Nachbaaaaaarn, ich habe Fleisch für euch!“
Kaum aus den Äuglein blickend, sehen sie, dass es schon 12 Uhr ist und über dem Zaun ein frisch gebratener, fleischsafttropfender Spieß hin und her wedelt. „Vom Nachbarn gegenüber, ist mir zu viel, nehmt, nehmt!“
Dem Fisch und dem Fleischspieß folgen eine Honigwabe, Tagetes-Setzlinge, Zucchini, Tomaten und eines Tages: „Schau mal, Röschen, ich habe vor zwei Jahren im Brunnen Gurken eingelegt und ganz vergessen. Sie schmecken herrrrlich!“
Sie hatte recht: Die zwei Jahre alten Gurken in trüber Salzbrühe schmeckten wirklich gut.
