iRobi und die Shaolin Roboter
Wir haben einen neuen Mitbewohner. Ja, ich weiß, langweilige Einführung für einen KI-getriebenen Staubsauger.
Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, seit ich das Gerät habe, verstehe ich sehr gut, warum Menschen eine emotionale Beziehung zu Dingen, beziehungsweise Robotern aufbauen.
Er verhält sich einfach so, so, so ich wills nicht sagen, aber ja, so menschlich....
Hier beginnt die Geschichte:
Beseelte Blechkiste: Saugroboter
„Robert!“ Wenn ich diesen Namen durch den Flur brülle, meine ich weder einen widerspenstigen Teenager noch einen schwerhörigen Ehegatten. Ich meine eine flache, kreisrunde Plastikscheibe, die gerade versucht, einen Langhaarteppich zu besteigen, als wäre er der Mount Everest. Robert ist mein iRobot. Und während die Welt vor der technologischen Übermacht zittert, frage ich mich: Warum habe ich eigentlich Mitleid mit einem Gerät, das weder Schmerzrezeptoren noch Einsicht hat?
Vermutlich genau wegen der fehlenden Einsicht. Das macht das GEröt so, so, ich wills nicht sagen, aber ja, so menschlich...
Welches Kind machte gerne Hausarbeit?
Es gab ja früher schon Geschichten von Leuten, deren Saugroboter sich mitten auf dem Wohnzimmerteppich entleert haben. Die richtig faul waren, nach 5 Minuten mussten sie zurück zur Ladestation. Aber echt jetzt, das war von 10 Jahren! Das hat man lächelnd abgetan, selber schuld sich noch einen anthopomorphen Elektroschrott ins Haus zu holen.
Jetzt beobachte ich, wie iRobi stoisch um ein Häufchen Staub und Dreck herumsaugt. Eilige hatte ich das mit den Händen zusammengefegt um schnell den Staubsauger drauf loszulassen Sollte nicht mehr als 5 Minuten dauern. Und nun. Starre ich seit einer halben Stunde immer wieder Richtung Dreckhaufen und suche nach iRobi. Er saugt fröhlich in der Ecke, fährt zum hunderstenmal unter dem Sofa rum. Was zum Teufel hat der kleine Kerl für ein Problem mit einem Haufen Staub?
Ganz einfach, so wir wir als Kinder auch keine Lust hatten, zu fegen....
Pfui Robi, Pfui....
Und so bekam der iRobot seinen Namen. Das Badezimmer wurde renoviert, überall lag noch Bauschutt herum. Eine Tür gabe es noch nicht.
Um den iRobot davon abzuhalten, erbsengroße Zementstücke zu verschlucken, stellte ich zwei Hocker vor den Eingang.
Das sollte doch klarmachen: Hier darfst du nicht rein. Es heißt ja, der Saugroboter scannt die Wohnung, merkt sich alles und versteht.
Tut er ja auch, aber er versteht nicht, warum er ausgerechnet nicht ins Badezimmer darf, wo doch seiner Meinung ach die besten Leckerlis versteckt sind.
Oder er denkt: Wenn Frauchen mich da nicht hineinlässt, dann muss es da was ganz besonders tolles zu finden geben.
Merkt ihr was? Ich denke er denkt.
Ich denke, er verhält sich so, so, ich wills nicht sagen, aber ja, wie ein Welpe....
Stur wie ein Hund
Und dann geht das Gezeter los.
Gerade sehe ich aus den Augenwinkeln wie er seinen dicken runden Kopf (ok, es ist eine Scheibe, den Kopf stelle ich mir nur vor) zwischen den beiden Hockern durchdrücken will.
Ich eile herbei und ziehe in weg, dreh ihn Richung Sofa, wo er auch brav hinfährt. Zum Schein. Kaum dreh ich mich weg, dreht er sich um und rast wie verrückt zur Badezimmertür.
Ich erwische ihn gerade noch am (eingebildeten) Schwanz.
Jetzt schimpfe ich aber: Pfui, iRobi! Siehst du nicht die Hocker, das ist Pfui (!) Zone! Pfui, pfui Pfuiiiiiiii!
Ich verstärke die Barriere, iRobi verstärkt seine Bemühungen.
Wer schon mal versucht hat, einer hungrigen Katze einen vollen Fressnapf unversehrt auf den Boden zu stellen versteht mich jetzt.
Und ich verstehe jetzt alle, die ihren Staubsaugern, Kühlschränken und Leuchtmitteln Namen geben.
Hiiiiiiiiiiehr, iRobi, hiiiiiiiierher!
Exkurs
Das Robert-Prinzip: Wenn der Staubsauger „beleidigt“ ist
Wir Menschen sind evolutionär darauf programmiert, allem, was sich bewegt und halbwegs zielgerichtet agiert, eine Seele anzudichten. Fachleute nennen das Anthropomorphismus. Andere nennen es: Robert hat einen schlechten Tag. Wenn er mal wieder hilflos zwischen zwei Stuhlbeinen rotiert und kläglich piepst, sehe ich keinen Softwarefehler. Ich sehe ein gefangenes Tierchen, das gerettet werden will.
Die Bindung geht so weit, dass wir Saugroboter-Besitzer (laut Studien geben über 80% ihrem Gerät einen Namen) fast schon ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir ihn bei der Arbeit beobachten, während wir mit einem Kaffee auf dem Sofa sitzen. Er ackert, wir residieren. Ein schlechtes Gewissen gegenüber 14,4 Volt Lithium-Ionen-Power? Willkommen in der Psychologie des 21. Jahrhunderts.
Der China-Schock: Wenn Perfektion Angst macht
Ganz anders sieht die Welt aus, wenn man den Blick nach Osten richtet. In China zeigen uns perfekt synchronisierte Kung-Fu-Roboter, was technische Brillanz wirklich bedeutet. Hunderte metallene Kämpfer, die ohne zu zögern, ohne zu stolpern und vor allem ohne jede Persönlichkeit exakt dieselbe Bewegung ausführen.
Das ist das Uncanny Valley in Bestform: Es ist zu perfekt, um menschlich zu sein, aber zu menschenähnlich, um als bloße Maschine durchzugehen. Während mein Robert sympathisch unvollkommen gegen die Fußleiste knallt, strahlt die chinesische Roboter-Armee eine kühle, beängstigende Effizienz aus. Hier weckt die Technik keine Empathie, sondern Urängste. Wer braucht schon eine Saug-Wisch-Funktion, wenn die Hardware theoretisch einen High-Kick ausführen kann?
Die neue Perspektive: Zwischen Putzplan und Apokalypse
Der Kontrast könnte nicht größer sein. Auf der einen Seite die martialische Show der Supermächte, auf der anderen die "Putzfee" im Wohnzimmer. Doch genau hier liegt die Erkenntnis: Wir fürchten uns vor der seelenlosen Masse, aber wir lieben das individuelle Individuum – selbst wenn es aus Polycarbonat besteht.
Vielleicht ist das die Rettung unserer Spezies: Solange wir Maschinen bauen, die so herrlich verpeilt sind wie Robert, behalten wir die Oberhand. Erst wenn die Saugroboter anfangen, Kung-Fu zu lernen, sollten wir uns ernsthaft Sorgen um unsere Knöchel machen.
Quellen:
Die psychologischen Aspekte basieren auf der Forschung zum Anthropomorphismus (Waytz et al.) und dem Uncanny Valley Effekt nach Masahiro Mori.
